Wien, 17.06.2016 Schelling begrüßt IWF-Direktorin Lagarde in Wien IWF-Direktorin Lagarde und Finanzminister Schelling diskutieren Europas Herausforderungen für die Zukunft

Zum bereits neunten Mal begrüßt Österreichs Finanzminister Dr. Hans Jörg Schelling einen hochkarätigen Gast zu seiner Diskussionsreihe „Finanz im Dialog“. Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) sprach vor 500 Gästen in der Wiener Hofburg über Europas Herausforderungen und Chancen der EU.

Finanzminister Hans Jörg Schelling bedankte sich bei Christine Lagarde ausdrücklich für ihre Bereitschaft, wenige Tage vor dem Referendum in Großbritannien die IWF-Sicht auf Europa zu skizzieren und betonte dabei auch, dass der IWF und die Eurogruppe bereits schon viele Probleme gemeinsam in Angriff genommen und gelöst haben.

Lagardes Rede zur Lage Europas

„Weil wir heute hier in Wien sind, darf ich eine Analogie zwischen einer meiner Lieblingsopern – Mozarts Zauberflöte – und der Geschichte Europas ziehen. Beide Geschichten zeigen den Weg aus der Finsternis ins Licht, von Misstrauen hin zu Aufklärung und aus dem Chaos hin zum Beginn einer neuen Ära“, begann die IWF-Direktorin ihre Ansprache unter dem Titel „Europe – Unity in Diversity“. „Europa ist seit der Geburt der Nationalstaaten im Zuge des Westphälischen Friedens 1648 die größte und erfolgreichste Innovation. Die Mitgliedsstaaten sind durch Internationales Recht miteinander verbunden, ganz im Sinne Emmanuel Kants. Es war möglich, die Staaten zu einigen – durch den europäischen Binnenmarkt, die Einheitswährung Euro und den gemeinsamen Willen zur Europäischen Integration. In Europa produzieren rund 500 Millionen Menschen gemeinsam 25 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Europa ist eine Erfolgsstory – doch wir müssen gemeinsam daran weiterarbeiten“, betonte Lagarde.

Europas Herausforderungen

In ihrer gut halbstündigen Rede zur Lage Europas identifizierte die IWF Chefin das Vermächtnis der Krise in der Eurozone, die Flüchtlingswelle und die Abstimmung über einen möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU als die größten Herausforderungen.

„Europa hat schon oft bewiesen, dass es geeint und gemeinsam stärker ist. Daran sollte Europa auch in Zukunft weiterarbeiten, um international mithalten zu können“, so die IWF-Direktorin. „Flüchtlinge müssen so schnell wie möglich in den Arbeitsmarkt integriert werden. Die europäischen Mitgliedsstaaten müssen koordiniert ihre Fiskalpolitik weiterführen und Krisenprävention betreiben, um Wachstum und Beschäftigung zu generieren. Und Großbritannien sollte sich daran erinnern, dass seine Erfolgsstory unweigerlich mit dem Beitritt zu Europäischen Union verbunden ist“, betonte Lagarde und führte dabei die drei Problemfelder stärker aus. 

Lösungen für Europa

Im zweiten Teil ihrer Ansprache führte Lagarde mögliche Lösungsansätze an, die Europa für die Zukunft krisensicherer machen sollten: Die Steigerung der Lebenserwartung, die Erhöhung der wirtschaftlichen Widerstandskraft sowie eine Inklusion innerhalb der Währungsunion. „Europa muss sich gegenüber 6,5 Milliarden Menschen behaupten. Aber ich weiß, Europa hat alles, was es dazu braucht: Europa kann im Wettbewerb, bei Innovationen und bei der Forschung absolut mithalten – Europa ist bereit für eine ‚next revolution‘. Europas Kreativität und Unternehmergeist müssen gefördert und finanziert werden“, so Lagarde. Lagarde sprach auch vom einstigen ‚sick man of Europe‘ – nämlich Deutschland: „Vor knapp 10 Jahren noch als das Sorgenkind Europas bekannt, ist Deutschland jetzt die stärkste Volkswirtschaft innerhalb der Eurozone“, erinnerte Lagarde daran, dass nichts in Stein gemeißelt sei und ein gemeinsames Fortkommen nur durch gemeinsame Veränderungen möglich sei.

Zum Schluss ihrer Ansprache kehrte Lagarde wieder zum Vergleich mit der Zauberflöte zurück: „Mozart hat es geschafft, das hohe C einer Königin der Nacht mit den Melodien eines Papageno zu einem Meisterwerk zu verbinden. Auch Europa ist zur Integration fähig, davon bin ich fest überzeugt – das sind wir unseren Kindern und Kindeskindern schuldig.“

Im Anschluss fand eine rege Diskussion unter Publikumsbeteiligung zu den Themen Griechenland, Bankenunion und einen möglichen drohenden ‚Brexit‘ statt.

 Sowohl IWF-Direktorin Christine Lagarde als auch Finanzminister Schelling präsentierten sich als unerschütterliche Optimisten und Verfechter der Europäischen Idee. „Wir werden in weiteren Marathonsitzungen für dieses Europa kämpfen“, waren sich die beiden abschließend einig.